Wachsein, Träumen und eine dritte Dimension

17.04.2007 13:40 Uhr - Esoterik & Spirituel Diese
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Von Linda W. Edge.
Ich erinnere mich, wie ich als Kind vorm Einschlafen in völliger Stille dalag und mich fragte, wie ich ein zusammenhängendes Bild aus drei anscheinend nicht miteinander zusammenhängenden Puzzelteilen erstellen könnte: Wachsein, Träumen und eine Dimension, die außerhalb dieser beiden Zustände lag. Ein Ich-Sein, das beides zu enthalten schien. Was ist wahrer, fragte ich mich: Wachsein oder Träumen? Und was ist, wenn keins von beiden Realität ist? Was, wenn nur das Ich-Sein Wirklichkeit wäre und alles andere sich innerhalb meiner selbst abspielte? Wenn das so sein sollte - wer oder was bin ich dann?


Ich war ein misshandeltes Kind. Immer wieder kam mein Vater im Dunkel der Nacht, wenn Frieden herrschen sollte, und vergewaltigte mich. Am Tage, wenn die Dunkelheit sich versteckte, waren meine Eltern wieder und wieder grausam zu mir. Wo findet ein Kind ruhe, das unsichere Tage und unsichere Nächte erlebt? In der Zeit der Ruhe, wenn der Tag gegangen und die Nacht noch nicht gekommen war, versuchte ich die Teile zusammenzufügen. Nicht, dass diese Teile klar gewesen wären. Mein nächtliches Trauma war tagsüber völlig vergessen, so wie der Tag nachts vergessen war. Und doch schien das Leben ein Geheimnis zu bewahren.
Das innere Terrain - ein Mikrokosmos des Universums

Das Leben außerhalb meines Zuhauses war nicht bedrohlich: Schule, Sport, Musik, Freunde, Kirche, schließlich das College. Durch die Beschäftigung mit Philosophie und Vergleichender Religion, mit Meditation und östlichem Gedankengut wurde mir klar, dass ich von Natur aus ein grüblerischer Mensch war. Es wurde wichtig für mich, Antworten auf meine frühen Fragen über das Wachsein und das Träumen zu finden. Viele Dinge, die ich lernte, legten nahe, dass alle Antworten im Individuum selbst liegen. Das innere Terrain ist ein Mikrokosmos des Universums; jeder kleinste Teil enthält die Gesamtheit der Schöpfung. Letztlich kann kein Teil des Universums fremd bleiben, wenn man mit seinem eigenen inneren Pulsieren vertraut ist.

Ich praktizierte Mantra-Meditation, Atemübungen und Hatha Yoga, und mein Leben entwickelte sich weiter: Heirat, Mutterschaft und eine tiefe Verbindung zur Musik. Meine Erfahrungen mit dem Orchester spiegelten meine innere Suche wider, da die Violinstücke mir erlaubten, mir die Klänge um mich herum mehr und mehr zu eigen zu machen. Das erinnerte mich an das Verlangen des Menschen nach Gesamtheit, an die Neigung, sich selbst als Teil des gesamten Kosmos zu sehen - mit dem Ganzen verbunden. Ich lehrte Meditation und dachte über den Sinn des Lebens nach. Mein Leben war reich und erfüllt.

Suche nach unbewussten Erinnerungen

Nach ungefähr 20 Jahren gelangte ich völlig unerwartet zu einer neuen Sichtweise. Ein spiritueller Mentor schlug mir vor, an ungelösten Fragen aus der Kindheit zu arbeiten. Nein! Die Kindheit war Vergangenheit. Meine bewussten Erinnerungen an längst vergangene Grausamkeiten hatte ich ins Land des Vergebens verbannt. Was unbewusst war, blieb unbewusst. Alles schien in Ordnung zu sein. Doch ich vertraute meinem Mentor, absolvierte zwei lange Sitzungen mit einem Therapeuten und bewältigte ein monumentales Stück Arbeit. Ich entdeckte, dass meine bewussten Erinnerungen gepaart waren mit bislang unentdeckten Gefühlen von Angst, Schmerz, Sorge und Ärger. Der Offenlegung folgten die Konfrontation, die Integration und dann die Befreiung. Der Befreiung folgten Frieden, Einsicht, größere Selbsterkenntnis.

Monate später saß ich wegen körperlicher Beschwerden bei einem energetischen Heiler, der mir eine magische Frage stellte, die tief in meine Stille eindrang - dort, wo die Zeit stehen geblieben war. Ich versank in Träumerei ohne Inhalt, war gegenwärtig ohne Gedanken. Schließlich fragte ich: „Was ist passiert?" „Du hast Dich dissoziiert", antwortete der Heiler. Dissoziiert? Das war ein neuer Begriff für mich. Interessanterweise hatte sich seine Frage auf meine Kindheit bezogen. Mein unbewusster Verstand war berührt worden und hatte mich in das Transzendente getrieben, in die Zone, die mich vor dem Horror schützte, den ich als Kind erlebt hatte.

Was ist Dissoziation?

Zur Zeit Freuds hieß es, dass Erinnerungen durch Assoziation, d. h. durch die Verbindung von Gedanken, ins Bewusstsein gelangen. Dissoziation bezeichnet den Prozess, Erinnerungen für das Bewusstsein nicht verfügbar zu machen. Das ist möglich durch rigide Abschottung; mentale Inhalte werden unbewusst mit einer Mauer umgeben. So können sich separate Systeme mentaler Funktionen entwickeln, die in ihren meist komplexen Formen mit der externen Welt als eigene Persönlichkeiten interagieren. In solchen Fällen liegt eine „dissoziative Identitätsstörung" vor.

Heute wird die Dissoziation nicht mehr so sehr als psychopathisch angesehen. Es wird nicht mehr nur die Unterdrückung von Erinnerungen betrachtet, sondern auch die Inkongruenz unter den vielen Komponenten des Selbst. So kann beispielsweise eine Person, die gerade kritisiert wird, beim Sprechen und in der Haltung ruhig sein und die starken Emotionen gar nicht bemerken, während der Körper mit starken Symptomen reagiert. Dissoziation kann auch darin bestehen, externe Stimuli auszuschließen, z. B. indem man Gespräche in der direkten Umgebung ausschaltet, während man ein spannendes Buch liest. Ein gefährlicheres Vorkommen von Dissoziation ist das Autofahren mit Hilfe des Autopiloten, während wir uns mit einem Freund unterhalten.

Das Bewusstsein einzugrenzen kann jedoch auch nützlich sein. Als Violinistin konzentriere ich mich zuerst nur auf meinen eigenen Part, wenn ich ein Orchesterstück lerne, und achte nicht auf das, was im Orchester passiert. Mit der Übung erweitert sich jedoch das Bewusstsein; ich höre alle Instrumente und spiele mit den anderen zusammen. Ohne dissoziative Prozesse wäre das nicht möglich.
Geist, Körper und Bewusstsein erkennen

Als ich begann, mich mit Dissoziation zu beschäftigten, verstand ich darunter, dass Erinnerungen und Gefühle mit einer Mauer umgeben werden, während man irgendeiner Aktivität nachgeht. Ich entwickelte die Fähigkeit, in der äußeren Welt zu funktionieren, ohne wirklich darin anwesend zu sein. Aber mit Hilfe des energetischen Heilers machte ich eine neue Erfahrung. Statt mich in der Body-Mind-Einheit aufzuteilen, zog ich mich in die Stille zurück, in eine Wirklichkeit außerhalb von Gedanken, Aktion, Zeit und Raum. Ich erinnerte mich, dass die Grenzen des Körpers während der Meditation ab und zu schmolzen. War das dieselbe Stille, in die ich mich während der Dissoziation zurückzog? Ist Meditation dissoziativ? Ist Erleuchtung - das gleichzeitige Erleben des Individuellen und des Kosmischen - assoziativ?
Ich hörte auf meine innere Führung und betrachtete meine eigene Dissoziation in und außerhalb der Meditation. Ich achtete auf meinen Körper, auf subtile körperliche Impulse, auf aufkommende Empfindungen. Sowie ich meine Erinnerungen hervorholte, verstärkte sich meine spirituelle Klarheit. Ich konnte die Wahrheit erkennen, Unwahrheit und Täuschung wurden transparenter. Ich wurde immer glücklicher und begann, das lebenfördernde und das lebenzerstörende Potenzial dissoziativer Prozesse zu verstehen. Manchmal müssen wir uns in Teile zerlegen, um ein Ganzes zu werden.
Rückzug in die transzendentale Stille

Durch ausführliche Interviews für meine Dissertation entdeckte ich, dass acht der Befragten, die über transzendentale Zustände berichteten, die Erfahrung der Dissoziation gemacht hatten. Sie beschrieben eine Dimension lebhafter, kreativer intelligenter Impulse und berichteten, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur Ewigkeit verschmolzen, als ihr Body-Mind-Bewusstsein schwächer wurde.
Eine meiner Vorahnungen wurde bestätigt. Mein „Rückzug" erfolgte nicht innerhalb des Body-Minds, wie frühere psychologische Theorien angenommen hatten. Ich hatte vom Body-Mind in die transzendentale Stille dissoziiert. Da ich dort blieb, vermied ich meine Erinnerungen - mental und zellulär. Dennoch beeinflussten sie mein Leben. Meine Interviewpartner stimmten mit mir überein: Der Integrationsprozess machte es erforderlich, in schmerzerfüllte innere Räume hineinzusehen, um freizusetzen, was dort verborgen war.
Der Weg zur Ganzheit

Die Fortsetzung meiner Reise zur Ganzheit - man kann das auch „Heilung" nennen - erfordert Offenheit für das, was uns im Moment durchdringt, gekoppelt mit einer kontemplativen Haltung. Sie erfordert die Bereitschaft zu wissen, was man wissen kann, auch wenn es schmerzvoll ist. Und sie erfordert eine Balance zwischen Geist, Körper und Bewusstsein. Bevor ich mit meinen Forschungen anfing, wusste ich: Wenn wir es ablehnen zu akzeptieren, was uns berührt, entsteht Schmerz. Dieser Schmerz kann verschiedene Formen annehmen - von Krankheit und körperlichen Symptomen über Beziehungsprobleme bis hin zu dem Gefühl, physisch und mental abgekoppelt zu sein von der Quelle allen Lebens.
Die Flucht vor den Herausforderungen des Alltags wirft uns aus der empfindlichen Balance, die wir für unser inneres Wachstum brauchen. Daraus entsteht Schmerz. Die Suche nach „Realität" in meiner Kindheit ist zur Suche nach dem Außergewöhnlichen geworden - zur Integration von Wachsein, Träumen, Tiefschlaf und transzendentalem Zustand. Alles, was in meinem Körper gespeichert ist - der Terror, die Konfusion, der Mangel an Vertrauen - wird Stück für Stück kompensiert. Alles, was ich als Bewusstsein bin, entfaltet sich mehr und mehr. Mit jedem Schritt werde ich lebendiger.
Das ganze Spektrum der Dissoziation

Im Rahmen meiner Forschungsarbeiten habe ich ein Spektrum der Dissoziation entwickelt. Es unterscheidet vier Typen der Dissoziation und - als Kategorie der Einheit - die Assoziation.

Pathologische Dissoziation: Stetiges tiefes Leugnen aller Empfindungen, die wir in uns spüren. Sie kann eine Instabilität der Selbsteinschätzung bewirken und die Leistungsfähigkeit extrem beeinflussen. Oft ist sie mit der Unterdrückung traumatischer Erinnerungen verbunden, die zu einem krankhaften Zustand führt.

Typische Dissoziation: Erfahrungen, die unbedeutend sein können oder das Leben angenehmer gestalten. Dazu zählt z. B. das Fahren mit Hilfe des Autopiloten, das Leugnen von Gefühlen oder die Fähigkeit, sich selbst in Kunst oder Natur zu „verlieren".

Absichtliche Dissoziation: Zustände, die z. B. durch Gebet, Meditation oder einen Marathonlauf herbeigeführt werden.

Geführte Dissoziation: Außerhalb des Bewusstseins werden spezifische Informationen, Weisheit oder Lenkung aktiv gesucht und erlangt. Die Reise des Schamanen oder die Erforschung des Universums sind Beispiele hierfür.

Assoziation: Die Öffnung des Bewusstseins, ohne den Mind-Body zu verengen. Dabei kann der Kontakt mit dem Transzendenten während einer Aktivität gehalten werden. Intuitive Information erleuchtet den Weg, den man geht, und physische wie auch nicht-physische Realitäten werden gleichzeitig wahrgenommen.
Linda W. Edge, Ph.D., ist praktizierende Psychologin in Columbus, Ohio.

Der in der Übersetzung gekürzte Beitrag ist in englischer Sprache mit dem Titel „Where Do I Go When I Go Away" erschienen in Spirituality & Health, Ausgabe September/Oktober 2006.
 

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